EDCF-Seminar auf der IBC 2026

Angela Bünger
Analoges Kino gewinnt an Bedeutung, KI prägt Produktionsprozesse.

Im Rahmen der IBC 2026 in Amsterdam veranstaltete das European Digital Cinema Forum (EDCF) sein jährliches Global Cinema Seminar. Vertreter von Branchenverbänden, Geräteherstellern, Studios, aus Postproduktion und Mastering, Bild- und Tonspezialisten, Systemintegratoren sowie Kinobetreiber diskutierten aktuelle Entwicklungen und technische Herausforderungen der Kino- und Medienbranche. Im Mittelpunkt standen die Rückkehr analoger Filmformate als Premiumangebot, die Weiterentwicklung digitaler Kinotechnik und die zunehmende Integration von KI in Produktionsabläufe.

 

Aktuelles aus dem EDCF

Cathy Huis in ‘t Veld-Esser, Erste Vorsitzende des EDCF, berichtete von mehr als 25 neuen Mitgliedern innerhalb der vergangenen 18 Monate. Zu den kommenden Veranstaltungen gehören eine gemeinsame Session mit der ICTA auf der Konferenz des Europa-Cinemas-Netzwerks in Barcelona am 26. November sowie die EDCF-Konferenz 2027 in Prag am 2. und 3. März. Die nächste LA Tour ist für den 8. und 9. April geplant.

Inhaltlich arbeitet das Forum unter anderem an einem Leitfaden für Kinobetreiber zum Thema Event Cinema. Weitere Schwerpunkte sind Branchengespräche über Verschlüsselungsstandards für alternativen Content sowie Definitionen für das Ende des Produktlebenszyklus (End of Life) und das Ende des Herstellersupports (End of Support). Im Januar 2027 soll zudem das Programm „EDCF Future Leaders“ starten.

 

Analoge Filmformate als Premiumangebot

Nach Einschätzung von Patrick von Sychowski, Zweiter Vorsitzender des EDCF, gewinnt die technische Ausstattung des Vorführraums als Marketingfaktor an Bedeutung. Analoge Filmformate hätten bei mehreren viel diskutierten Kinoproduktionen des Jahres 2026 eine wichtige Rolle gespielt. VistaVision erlebte mit „The Brutalist“ und „One Battle After Another“ eine erneute Aufmerksamkeit, während 70-mm-Projektionen durch „The Odyssey“ zusätzliche Impulse erhielten.

 

Patrick von Sychowski (Quelle: EDCF)

 

Die Nachfrage nach hochwertigen analogen Vorführungen stellt die Kinobranche allerdings vor personelle und technische Herausforderungen. Von den weltweit 41 IMAX-Standorten mit 70-mm-Projektion entfielen demnach 13 Prozent des Gesamteinspielergebnisses von „The Odyssey“ auf diese Spielstätten. Gleichzeitig ist die Zahl qualifizierter Filmvorführer seit der Digitalisierung der Kinos deutlich zurückgegangen.

Auch digitale Premiumformate entwickeln sich weiter. ScreenX, 4DX und Dolby Cinema verzeichneten bei „Spider-Man: Brand New Day“ nach den Angaben im Seminar Rekordstarts. Die Entwicklung deutet darauf hin, dass unterschiedliche Premium Large Formats (PLF) parallel bestehen können. Weitere Impulse kommen durch Disneys angekündigte Zertifizierung „Infinity Vision“, proprietäre Technologien wie HDR by Barco, Premiumsaalkonzepte wie EPIC von Vue und die zunehmende Verbreitung von Direct-View-LED-Displays.

Bei der Laserprojektion verschiebt sich der Fokus laut von Sychowski zunehmend von Energieeffizienz und Betriebskosten hin zu möglichen Vorteilen bei der Erfüllung von Studioanforderungen und dem Zugang zu Zertifizierungen. Auch das Publikumsverhalten verändert sich: Längere Laufzeiten durch Mundpropaganda, ein von jüngeren Zielgruppen getragenes Interesse an Repertoirefilmen und eine wachsende Kenntnis der technischen Unterschiede zwischen Vorführformaten prägen den Markt. Zuschauer entscheiden demnach häufiger zunächst über das gewünschte Format und anschließend über die konkrete Vorstellung.

Martin Putto, Chief Analogue Technician bei KINO Rotterdam, berichtete über den Sommerbetrieb mit „The Odyssey“ in 70 mm. Zu den Herausforderungen zählen das Handling und Einfädeln der schweren Filmkopien, die Beanspruchung älterer Projektionsanlagen sowie der Schulungsaufwand für das Personal. Der Betrieb analoger Premiumformate bleibt damit in hohem Maß von einer begrenzten Zahl erfahrener Fachkräfte abhängig.

 

Europäischer Kinomarkt: Technik, Energie und Regulierung

Sonia Ragone von der Union Internationale des Cinémas (UNIC) bezifferte die Zahl der Kinobesuche in 39 europäischen Ländern für 2025 auf 870,2 Millionen. Das Einspielergebnis lag demnach bei 6,9 Milliarden Euro, bei einem Bestand von mehr als 40.000 Leinwänden. Für die EMEA-Region wurde im laufenden Jahr 2026 bislang ein Einspielergebnis gemeldet, das 29 Prozent über dem Vorjahreszeitraum und acht Prozent über dem Vor-Pandemie-Durchschnitt liegt.

Die UNIC Technology Group, die eng mit dem EDCF zusammenarbeitet, befasst sich mit einer Reihe technischer und betrieblicher Themen. Dazu gehören Energieeffizienz, Mitarbeiterschulung, der Umgang mit Altgeräten, Cybersicherheit, Lautstärke, künstliche Intelligenz und Automatisierung, Content-Delivery sowie Barrierefreiheit.

Auf politischer Ebene in Europa stehen unter anderem Fragen zur Exklusivität von Kinostarts, zur Territorialität des Urheberrechts, zum Einsatz von KI und zur Pirateriebekämpfung im Fokus. Ebenfalls diskutiert wird die künftige Ausgestaltung der EU-Förderprogramme Creative Europe und MEDIA. UNIC setzt sich darüber hinaus für öffentliche Fördermaßnahmen zur Umstellung auf Laserprojektion ein und verweist auf bestehende Fördermechanismen in Italien.

 

Künstliche Intelligenz verändert die Produktionspipeline

Tomasz Witkowski von Underground Slate und dem Soho Media Club sowie Richard Welsh, Vertreter der SMPTE und von Volustor, diskutierten die Auswirkungen generativer KI auf die Medienproduktion. Welsh verwies auf deutliche Fortschritte bei KI-Benchmarks: Während die Genauigkeit entsprechender Systeme vor einigen Jahren bei etwa 60 bis 70 Prozent gelegen habe, erreichten aktuelle Modelle rund 90 Prozent. Damit lägen sie bei den betrachteten Aufgaben über den Vergleichswerten menschlicher Experten von etwa 80 bis 85 Prozent.

Die wachsende Zahl verfügbarer KI-Anwendungen erschwere allerdings die Auswahl geeigneter Werkzeuge. Witkowski demonstrierte einen KI-generierten Kurzfilm, den er nach eigenen Angaben innerhalb von rund vier Stunden ausgehend von einem einzelnen Foto mit einem Consumer-Tool erstellt hatte.

Beide Referenten sehen Einsatzmöglichkeiten entlang der gesamten Produktionspipeline – von Previsualisierung und visueller Effektproduktion (VFX) bis zu Synchronisation und Untertitelung. Gleichzeitig verwiesen sie auf Risiken wie Urheberrechtsverletzungen, den Missbrauch digitaler Zwillinge und neue Formen der Piraterie. Dazu zählen auch KI-generierte Inhalte, bei denen eine klare Abgrenzung oder ein definierter Endpunkt fehlt.

 

Filmarchive zwischen Restaurierung und Authentizität

Lou Burkart, Archivkuratorin am Eye Filmmuseum, berichtete von einem wachsenden Interesse jüngerer Zuschauer an Filmvorführungen mit vordigitalem Material. Dabei stehe nicht allein der Inhalt im Vordergrund, sondern auch das gemeinschaftliche Erlebnis einer physischen Filmprojektion. Sichtbare Alterungsspuren auf Archivkopien würden zunehmend als Zeichen der Authentizität wahrgenommen.

Digitale Werkzeuge ermöglichen laut Burkart zugleich eine präzisere Korrektur historischer Farbverfahren. Bei Restaurierungen verzichte man bewusst auf unnötige kreative Eingriffe und orientiere sich an einem Reversibilitätsprinzip, wie es auch in der Gemälderestaurierung angewandt wird. Veränderungen sollen demnach nachvollziehbar und möglichst umkehrbar bleiben.

Die Klärung der Nutzungsrechte erfolgt bereits vor Beginn der Restaurierung. Ein Grund dafür ist, dass Rechteinhaber nicht immer wissen, wo sich die ursprünglichen Filmnegative befinden. Die Kombination aus technischer Restaurierung, Rechteklärung und sorgfältigem Umgang mit dem Ausgangsmaterial bleibt damit eine zentrale Voraussetzung für die langfristige Archivierung und Wiederaufführung historischer Filme.

 

Event Cinema: Interoperabilität und sichere Live-Übertragung

Cathy Huis in ‘t Veld-Esser stellte gemeinsam mit Weronika Kolodziej von Deluxe die Arbeiten an Interoperabilitätsstandards für Event Cinema vor. Das Segment hat sich von einem vorwiegend auf Opernübertragungen ausgerichteten Nischenangebot zu einem ganzjährigen Programm entwickelt, das unter anderem Sportveranstaltungen, Stand-up-Comedy und Premieren mit anschließenden Live-Fragerunden umfasst.

Im Gegensatz zum weitgehend standardisierten Digital-Cinema-Package-Workflow (DCP) ist Event Cinema durch eine größere technische Vielfalt geprägt. Quellmaterial, Dienstleister und Kinoinfrastruktur unterscheiden sich teilweise erheblich. Zudem wird das Ausgangsmaterial häufig nach Broadcast-Spezifikationen produziert, ohne die besonderen Anforderungen der Wiedergabe im Kino ausreichend zu berücksichtigen.

Die Branche arbeitet deshalb an einheitlicheren Verschlüsselungsstandards und klareren Incident-Response-Protokollen für Live-Übertragungen. Ein gemeinsam mit der ISDCF entwickelter Leitfaden soll Kinobetreibern darüber hinaus konkrete Ansprechpartner für technische und organisatorische Fragen während Live-Events nennen. Ziel ist es, die Abläufe zu vereinheitlichen und die Betriebssicherheit zu erhöhen.

 

Standards, Medienworkflows und Farbsehen

John Hurst von der ISDCF berichtete über eine überarbeitete Website und neue Dokumente zu Namenskonventionen, Festplattenformaten und der Konformität von J2C-Codestreams. Darüber hinaus hat eine Diskussion über Post-Quanten-Kryptografie begonnen. Hintergrund sind erwartete Änderungen bei den Validierungsstandards des US-amerikanischen National Institute of Standards and Technology (NIST) sowie die langen Vorlaufzeiten bei der Entwicklung und Fertigung technischer Systeme.

Cédric Lejeune von Holli stellte das IBC-Accelerator-Projekt FRAMES vor. Die Abkürzung steht für Federated Retrieval, Agentic Media Environment and Software Defined Workflows. Das Projekt wird gemeinsam mit RAI und weiteren Partnern entwickelt und soll Informationen über verschiedene Produktionsstufen hinweg besser miteinander verknüpfen.

Kern des Ansatzes ist ein gemeinsames semantisches Modell, das auf einem Knowledge Graph basiert. Es verbindet Informationen aus unterschiedlichen Arbeitsschritten – von der Drehbuchanalyse und Archivrecherche über generative Workflows bis zur Postproduktion. Eine Testproduktion über die Reise einer Schnecke entlang der Route 66 verdeutlichte nach Angaben von Lejeune die Funktion des Systems: Kohärenz und Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse sollen durch die verknüpften Informationen im Knowledge Graph gewährleistet werden und nicht allein durch das zugrunde liegende KI-Modell.

Zum Abschluss stellte Radoslav Markov das Helios-Projekt vor. Die wissenschaftliche Studie untersucht neue Ansätze zur Modellierung des menschlichen Farbsehens und ergänzt damit die technischen Themen des Seminars um eine grundlegende Frage der Bildwahrnehmung.

Das Global Cinema Seminar des EDCF zeigte insgesamt, wie eng sich traditionelle Filmtechnik, digitale Premiumformate, neue Distributionsstandards und KI-gestützte Produktionsverfahren inzwischen miteinander verzahnen. Für die Branche ergeben sich daraus sowohl neue Möglichkeiten zur Differenzierung des Kinoangebots als auch Anforderungen an technische Standards, Fachkräfte, Sicherheit und den verantwortungsvollen Umgang mit Medieninhalten.

 

Quellenhinweis: Dieser Artikel entstand auf Basis von bereitgestelltem Informationsmaterial des EDCF.

 


Bild oben: Cathy Huis in't Veld-Esser stellte aktuelle Zahlen und Fakten des EDCF vor (Quelle: EDCF)

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