Resilient, offen, unabhängig: Wohin sich die Broadcast-Branche bewegt

Sonja Langhans
Der 19. WSDB in Erfurt brachte Expert:innen aus Rundfunk, Industrie und Forschung zusammen. Das Themenspektrum reichte von Infrastruktur und Resilienz über IT-Grundlagen bis zu KI-Anwendungen.

Bei bestem Herbstwetter trafen sich Expert:innen aus Rundfunk, Industrie und Forschung am 22. und 23. September 2026 auf dem 19. Workshop Digital Broadcasting and Media des Fraunhofer IDMT im COMCENTER Brühl. Die Beiträge deckten ein breites Themenspektrum ab: von Infrastruktur und Resilienz bis zu IT-Grundlagen und KI-Anwendungen, immer nah an der Forschung und mit Blick in die nähere und fernere Zukunft.

Den Rahmen spannte Dr. Hans Hoffmann (EBU) mit seiner Keynote "Vom Sender zum Schrittmacher: Medienorganisationen als Treiber technologischer Innovation". Medienorganisationen sollen sich als vertrauenswürdige Infrastruktur-Anbieter verstehen, nicht nur als Sendeanstalten. Er plädierte für europäische Cloud-Souveränität und Shared-Service-Modelle zwischen Rundfunkanstalten, wie es der schwedische Sender SVT bereits vormacht. Auch offene Standards statt Fragmentierung würden in Zukunft immer wichtiger. Eine seiner zentralen Aussagen: Innovation ist co-authored, zunehmend zwischen Rundfunk und Industrie. Diese Aussage war im Verlaufe des Events noch an mehreren Stellen deutlich sichtbar.

 

Warninfrastruktur: ASA in DAB+ auf dem Weg in den Regelbetrieb

Bei der Warninfrastruktur ging es um ASA in DAB+, dem Automatic Safety Alert. Mehrere Vorträge griffen das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf: Das BBK verteilt über den ersten bundesweiten DAB-Multiplex Warnmeldungen, die per Geofencing auf den Kilometer genau ausgespielt werden. Am bundesweiten Warntag (10.9.) wurde das System getestet und in den Regelbetrieb überführt – aus einem mehrjährigen Forschungsprojekt ist damit ein einsatzreifes System geworden, wie Andreas Schäfer (Media Broadcast) sowie Alexander Jahn und Robert Widmann von Bayern Digital Radio zeigten. Mit einer Abdeckung von 98 % der Fläche werden heute 92 % der Bevölkerung erreicht. Noch offen ist die Integration in Autoradios, die ASA meist noch nicht unterstützen.

Eine Infrastruktur, die die Bevölkerung warnt, muss resilient sein. Hier zeigten sowohl die Beiträge von Bayern Digital Radio als auch der von Michael Moskob (Media Broadcast), wie viel Potenzial dabei in Senderstandorten steckt: Klassische Redundanzkonzepte aus dem Mobilfunk, etwa mobile Antennenmasten, funktionieren wegen der Höhenanforderungen der terrestrischen Verbreitung nicht. Entwickelt wurden deshalb modulare Havarie-Einheiten, die in einen Pkw oder Kleintransporter passen. Dabei ist ein mobiler Notfall-DAB+-Sender entstanden, den Bayern Digital Radio gemeinsam mit Rohde & Schwarz entwickelt hat und der inzwischen als reguläres Produkt vertrieben wird. Michael Moskob schloss das Thema mit einem Blick auf terrestrische Infrastrukturen in Krisenzeiten ab: robuste Sendernetze mit Notstromversorgung und redundanter Signalzuführung bleiben ein Argument für den klassischen Rundfunk, auch wenn Mobilfunknetze ausfallen.

 

Impression aus den Demogesprächen (Foto: Fraunhofer IDMT)

 

Ein zweiter großer Themenblock drehte sich um Produktionsarchitektur, konkret um Dynamic Media Facilities (DMF) und den offenen Standard MXL – ein Bereich, der derzeit in Europa bereits stärker im Fokus ist als z.B. in den USA. Hartmut Opfermann (BFE Studio und Medien Systeme) stellte diese Referenzarchitektur für softwarebasierte, herstellerunabhängige Live-Produktion vor, containerbasiert und mit Shared-Memory-Architektur. Hinter der Entwicklung steckt ein internationales Team aus Rundfunk, Herstellern und Integratoren unter dem Dach von EBU und AMWA. Auch hier zeigt sich  ein Beispiel für Innovation durch Co-Authoring. Wie das in der Praxis funktioniert, zeigte Carl Wilhelm Ihne (Lawo): Bei der Fußball-WM 2026 wurden 33 bis 46 Kamerasignale zentral über einen redundanten Serverpool verarbeitet, containerisiert auf 68 1HE Standardservern.

Deutlich wurde im Verlauf des Workshops auch: KI ist im Arbeitsalltag angekommen. Christoph Raue (:xmg communications) stellte mit "Radiomate" einen seit 2022 entwickelten Text-to-Speech-Workflow für Radio vor, etwa für Verkehrsnachrichten, samt anbieteragnostischer LLM-Schnittstelle. Eine besondere Herausforderung waren hier die lokalen Ortsbezeichnungen. Das zugrundeliegende phonetische Lexikon muss nach wie vor durch Menschen befüllt werden, um eine korrekte Aussprache zu gewährleisten.

Arne Borsum (2wcom Systems) zeigte eine weitere Anwendung von KI: Sprich mit der Infrastruktur und frage sie zu ihrem Zustand. Technisch umgesetzt mit Hilfe von MCP und NMOS, lässt sich jetzt per Sprachbefehl der Zustand von Streams abfragen. Kritische Aktionen erfordern aber weiterhin eine Bestätigung. Ein gutes Beispiel dafür, wie sich Redaktionen und Technikabteilungen künftig an den Einsatz solcher Agenten herantasten dürften.

Ingo Hoffmann (artec technologies) stellte eine flexible Plattform zur Inhaltsanalyse vor, die Aufzeichnungen aus nahezu allen Medienquellen – DAB, FM, Social Media, SDI, Monitorcapturing sowie Sprechfunk für Lagezentren und Polizei – verarbeitet und dabei ein breites Spektrum an Anwendungsfällen abdecken will. Über die Integration von Fraunhofer IDMTs InsightPersona lassen sich Gesichter und Stimmen erkennen und in Archiven wiederfinden, während das Feature NewsIntelligence den Vergleich unterschiedlicher Berichterstattungen zum selben Thema ermöglicht.

Dr Jens Fisseler (Fraunhofer IAIS) zeigte, wie eine gemeinsam mit dem WDR entwickelte Mining-Plattform Audio, Text, Bild und Video automatisch analysiert und mit Metadaten versieht. Geht es um echtes semantisches Verständnis, stoßen klassische ML-Modelle an ihre Grenzen. Hier hilft KI weiter durch die eingesetzten Foundationmodelle, die inzwischen auch abstrakte Zusammenfassungen für Videos liefern können. Besonders spannend: Die Suche funktioniert crossmedial, sodass sich Inhalte künftig medienübergreifend recherchieren lassen.

Marcel Boeing (G&L Systemhaus) stellte eine KI-Lösung für Gebärdensprache vor, für Live- und On-Demand-Workflows, mit der Sendungen effizient für alle zugänglich werden. Und aus der Tagesschau-Redaktion berichtete Christian Radler  neben KI-Untertiteln und KI-gestützten Teletext -  von zwei Projekten, die noch nicht im Produktivsystem laufen, aber das Potenzial für die nächsten Entwicklungsschritte zeigen: eine automatisierte Ken-Burns-Videoerstellung aus Fotos, die die Produktionszeit von Stunden auf 3–5 Minuten reduziert, sowie eine Analyse des Formats "Tagesschau in einfacher Sprache", die der Redaktion automatisiert Reichweite und Verbesserungsvorschläge liefert.

Der zweite Tag widmete sich zu Anfang in einem Anwenderworkshop (Patrick Aichroth, Hanna Lukashevich, Fraunhofer IDMT) der Frage, wie sich synthetische von echten Inhalten unterscheiden lassen. Die Zuhörenden wurden dabei aktiv eingebunden und konnten selbst einschätzen, welche Inhalte echt sind und welche nicht – ein aufschlussreicher Workshop mit vielen Learnings für die Anwesenden. Auch die Limitationen automatischer Erkennungsmethoden kamen zur Sprache. Das Fazit: Tools werden menschliche Verifikationsteams vorerst nicht ersetzen können.

 

Screenshot der Autorin vom eigenen Handy mit einer der Fragen aus dem Workshop zu Authentizität

 

Kenneth Warmuth (WDR) knüpfte daran mit der ARD-Umsetzung von Content Credentials nach C2PA an, die ab Oktober in der Mediathek pilotiert wird. Als erste Inhalte sind dort die Aktuelle Stunde sowie Feuer und Flamme entsprechend gekennzeichnet. Wer neugierig ist, kann reinklicken – Feedback von Nutzenden ist gewünscht und willkommen.

Ein weiteres Anwendungsbeispiel für KI lieferte Robert Förster (Radiozeit). In einem PoC über 50 lokale Radiosender wertete er für die Landesmedienanstalten aus, ob und welche Auswirkungen von Wahlberichterstattung auf die Wahlbeteiligung erkennbar sind. Dazu wurden Audio- und Videostreams mit KI in Echtzeit analysiert. Die Antwort soll der geneigten Leserschaft nicht vorenthalten werden: Es ist ein klarer Zusammenhang messbar, wo mehr über Wahlen gesprochen wurde, war die Beteiligung auch höher.

Prof. Dr. Matthias Schnöll (Hochschule Anhalt) stellte zwei Forschungsprojekte vor, die beide auf KI-gestützte Metadatenerzeugung setzen. Die KI-Mediathek digitalisiert, restauriert und archiviert analoge Bestände aus Film, Video und Einzelbildern und soll zudem Deepfakes in Videos, Streams und Bildern erkennen. Im Projekt IP-Broadcast geht es um effizientere Sportproduktionen, unkomprimiert nach SMPTE ST 2110 ebenso wie komprimiert per NDI. KI erkennt dabei Spielszenen und könnte die Metadaten in Echtzeit an die Redaktion liefern. Besonders interessant: Das Projekt setzt komplett auf Open-Source-Software. Auch hier ist Herstellerunabhängigkeit also ein zentrales Thema.

 

FKTG im Gespräch (Prof. Schnöll, Hartmut Opfermann, Tobias Rahn, Sonja Langhans) (Foto: Fraunhofer IDMT)

 

Einen spannenden strategischen Einblick gaben Tobias Rahn und Aleksandar Manojlovic in ihre Arbeit im Geschäftsfeld Architektur und Daten bei der ARD Tech Unit: sie stellten die Datenstrategie der ARD vor. Eine interne Bestandsaufnahme ergab rund 1.000 Systeme in der ARD, die Daten erheben. Nun soll eine Konsolidierung auf etwa 100 erfolgen mit einem zentralen Datenmarktplatz nach dem Prinzip „jede Quelle liefert einmal, jeder Nutzer holt zentral ab" und Domänen-Hubs (u.a. SAP, Cast & Crew). Die Architektur ist EBU-Core+-kompatibel, mit BRID als verbindlicher Identität für Medienobjekte. Daten aus ihren ursprünglichen Quellsystemen sollen als "Golden Records" für neue Systeme nutzbar sein. Wichtige Leitplanke bei dem gesamten Vorhaben: keine Technologieentscheidung, die sich nicht binnen sechs Monaten rückgängig machen lässt – um Vendor-Lock-in zu vermeiden.

Weniger sichtbar, aber mit klarem Zeithorizont war der Vortrag von Christian Koch (TreeTop) zum Umstieg von http auf https in der Medienproduktion. Ab 2029 müssen Zertifikate alle 47 Tage erneuert werden. Auf diese Verkürzung sind viele Broadcast-Geräte nicht vorbereitet. Notwendig wird eine automatisierte Verteilung über Protokolle wie ACME und EST, verbunden mit einer eigenen Certificate Authority im Haus.

Auf der Metadatenseite stellte Werner Bleisteiner (Bayerischer Rundfunk) die Arbeit an ADM (Audio Definition Model) vor, einem objektbasierten Ansatz, der es erlaubt, etwa einen Kommentar lauter zu machen, ohne die gesamte Produktionskette umzubauen. Mitarbeit in der Gruppe ist willkommen, mehr Infos gibt es unter adm.ebu.io.

Rainer Biehn (Bayerische Medien Technik) gab ein Update zu DVB-I, dem neuen Metadatenstandard für Distribution und Auffindbarkeit von TV-Inhalten. Mindestanforderung zur Teilnahme sind ein DASH-Stream und ein minimaler Content-Guide. Offen ist derzeit noch die Zustimmung des Kartellamts. Organisatorische Fragen stehen also noch aus, technisch ist DVB-I startklar.

 

Fazit

Der WSDB 2026 zeigte, wohin sich die Broadcast-Branche in den kommenden Jahren bewegen wird: offene Produktionsarchitekturen, praktische KI-Anwendungen, Konsolidierung gewachsener Datenlandschaften und robuste Infrastruktur. Der rote Faden dabei war weniger die einzelne Technologie als die Frage nach Resilienz und Unabhängigkeit – von einzelnen Standorten, von einzelnen Herstellern, von einzelnen Cloud-Anbietern. Eng damit verknüpft ist die Frage der Authentizität: Je mehr KI-generierte und -bearbeitete Inhalte im Umlauf sind, desto wichtiger wird es, Echtheit nachweisbar und Vertrauen in Inhalte überprüfbar zu machen – ein Thema, das sich durch viele Vorträge zog und die Branche noch länger beschäftigen wird. Wer wissen will, wohin sich die Branche entwickelt, findet in den vorgestellten Projekten und Lösungen bereits heute wichtige Hinweise.

 


Bild oben: Eingang zum COMCENTER Brühl (Quelle: Sonja Langhans)

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