EBU zeichnet ORF und ARRI aus

FKTG-Journal
Excellence in Media Award für Produktionskonzept des ESC 2026.

Der Eurovision Song Contest 2026 in Wien hat neue Maßstäbe für die Verbindung von Kinoästhetik und Live-Fernsehproduktion gesetzt. Für das gemeinsam von ORF und ARRI entwickelte Produktionskonzept verlieh die European Broadcasting Union (EBU) beiden Partnern daher den Excellence in Media Award 2026.

Die Auszeichnung wurde im Rahmen der IBC in Amsterdam am EBU-Stand verliehen. Im Mittelpunkt steht ein Produktionsansatz, mit dem der ORF die visuelle Qualität des Eurovision Song Contest näher an die Bildästhetik von Kinofilmen und Musikproduktionen heranführen wollte, ohne dabei die für eine internationale Live-Show erforderliche Betriebssicherheit aufzugeben.

Der ORF war Host Broadcaster des 70. Eurovision Song Contest, der vom 12. bis 16. Mai 2026 in der Wiener Stadthalle stattfand. Nach Angaben der EBU erreichte der Wettbewerb insgesamt 131 Millionen Menschen in 35 TV-Märkten.

 

24 ALEXA 35 Live im Einsatz

Ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts war die Kameratechnik. Insgesamt kamen erstmals 28 Live-Kameras zum Einsatz, darunter 24 Kameras des Typs ARRI ALEXA 35 Live. Damit wurde für eine groß angelegte Musik-Liveproduktion ein Kamerasystem eingesetzt, das ursprünglich stark mit digitalen Kino- und High-End-Filmproduktionen verbunden ist.

Die technische Herausforderung bestand darin, die charakteristische Bildqualität einer Cinematic Camera in einen vollständig auf Live-Betrieb ausgelegten Produktionsworkflow zu integrieren. ORF und ARRI entwickelten dafür gemeinsam neue Kamera-, Farbmanagement- und Produktionsprozesse.

Dabei wurde die komplette Signalkette betrachtet, um die gewünschte Bildästhetik unter den Bedingungen einer mehrmonatigen Vorbereitung und einer hochkomplexen Live-Produktion reproduzierbar umzusetzen.

 

Farblooks statt nachträglicher Postproduktion

Für die einzelnen Auftritte wurden mehr als 50 individuell entwickelte Colour Looks beziehungsweise LUTs erstellt. Diese wurden über automatisierte Systeme abhängig von der jeweiligen Performance aktiviert.

Damit erhielt jeder Auftritt eine eigene visuelle Charakteristik. Gleichzeitig wurde ein Arbeitsschritt, der bei klassischen Film- und Musikproduktionen häufig erst in der Postproduktion stattfindet, in den Live-Produktionsprozess integriert.

Die automatische Auslösung der LUTs sollte nicht nur die kreative Gestaltung ermöglichen, sondern auch die technische Konsistenz sicherstellen. Bei einer Show mit zahlreichen Kameras, wechselnden Künstlern und eng getakteten Abläufen ist eine manuelle Anpassung der Bildcharakteristik während der Sendung nur begrenzt praktikabel.

Der Ansatz von ORF und ARRI verbindet damit zwei traditionell getrennte Produktionswelten: die kontrollierte, gestalterisch stark geprägte Bildverarbeitung aus Film- und Postproduktionsumgebungen und die Echtzeit-Anforderungen einer internationalen Live-Übertragung.

 

Entwicklung statt Lösung von der Stange

Antonio Arcidiacono, EBU Director of Technology & Innovation, hob bei der Preisverleihung besonders die enge Zusammenarbeit zwischen Broadcaster und Technologiepartner hervor. ORF und ARRI hätten keine fertige Lösung gekauft, sondern zunächst gemeinsam die Anforderungen definiert und anschließend eine darauf abgestimmte technische Lösung entwickelt.

Aus Sicht der EBU ist diese Form der Zusammenarbeit auch über den Eurovision Song Contest hinaus relevant. Technologieanbieter sollen nach dem Wunsch des Verbands künftig stärker bereits in der Konzept- und Entwicklungsphase mit den EBU-Mitgliedern zusammenarbeiten.

Für den ORF war das Projekt ebenfalls ausdrücklich nicht als einmalige technische Sonderlösung gedacht. Harald Kräuter, Director of Technology and Digitalization beim ORF, bezeichnete den ESC 2026 als Investition in langfristiges Know-how. Die entwickelten Workflows und die während der Produktion gewonnenen Erfahrungen sollen auch in zukünftige Produktionen und teilweise in den täglichen Produktionsbetrieb einfließen.

 

Großprojekt als Entwicklungsplattform

An der technischen Umsetzung waren neben ORF und ARRI zahlreiche weitere Unternehmen und Gewerke beteiligt. Für die Entwicklung und Integration der Kamera- und Broadcast-Workflows nennt der ORF unter anderem Riedel und NEP. Weitere Partner waren Creative Technology für LED und Video, Neg Earth für die Beleuchtung, Big Rig für Rigging, Agora für Audio sowie Sennheiser für Funkmikrofone und In-Ear-Systeme.

Die Zusammenarbeit zeigt, dass die Einführung eines cineastisch geprägten Kamerakonzepts in einer Live-Show nicht isoliert auf die Kameraebene beschränkt werden kann. Farbmanagement, Signalverarbeitung, Automatisierung, Monitoring und die Integration in die bestehende Broadcast-Infrastruktur müssen als Gesamtsystem betrachtet werden.

David Bermbach, Chief Product Officer bei ARRI, sieht darin entsprechend einen Ansatz über den einzelnen Eurovision Song Contest hinaus. Die beim ESC 2026 entwickelten Technologien und Workflows könnten neue Möglichkeiten für Broadcaster eröffnen und die nächste Generation von Live-Produktionssystemen mitprägen.

Auch für die Produktionsseite war die visuelle Gestaltung ein zentrales Ziel. Michael Krön, Executive Producer des ESC 2026 beim ORF, erklärte, man habe dem Publikum eine Show vermitteln wollen, die nicht nur gesehen, sondern auch emotional erlebt werde. Das Kamerakonzept sollte dafür eine eigene visuelle Identität schaffen.

 

Auszeichnung erstmals gemeinsam mit Technologiepartner

Mit dem Excellence in Media Award 2026 zeichnet die EBU herausragende technische und kreative Leistungen in der Medienproduktion aus. Teilnahmeberechtigt sind EBU-Mitglieder und deren Partner. Wenn eine technische Leistung wesentlich auf der engen Zusammenarbeit zwischen einem Mitglied und einem Technologieanbieter beruht, kann auch der jeweilige Lieferant ausgezeichnet werden.

Für ARRI ist dies 2026 erstmals der Fall. Zuvor gingen die Auszeichnungen unter anderem an SRG SSR für den Eurovision Song Contest 2025 in Basel sowie an France Télévisions für die Berichterstattung über die Olympischen und Paralympischen Spiele Paris 2024.

Mit der gemeinsamen Auszeichnung von ORF und ARRI setzt die EBU damit ein Zeichen für die technische Umsetzung des ESC 2026 und würdigt zugleich ein Produktionsmodell, bei dem kreative Anforderungen und technologische Entwicklung bereits in der Planungsphase gemeinsam gedacht werden.

Der entscheidende Schritt in Wien lag in der Integration von Cinematic Imaging, automatisiertem Farbmanagement und klassischen Broadcast-Workflows. Der Eurovision Song Contest 2026 diente damit als großmaßstäblicher Praxistest für die Frage, wie weit sich die Bildsprache von Kino- und Musikfilmproduktionen in Echtzeit auf internationale Live-Events übertragen lässt.

 


Bild oben: v.l.n.r. Claudio Bortoli (ORF) und Thomas Stoschek (ARRI) mit Antonio Arcidiacono (EBU), Quelle: ARRI

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