Nach 2015 war der Eurovision Song Contest (ESC) in diesem Jahr erneut in Wien zu Gast. Zum 70. Jubiläum des Sangeswettstreits der EBU hat der ORF als Host Broadcaster ein Produktionskonzept realisiert, das Kinobildqualität mit der operativen Robustheit einer klassischen Live-Übertragung verbinden sollte. Zentral dafür war der erstmalige Einsatz von ARRI Alexa 35 Live-Kameras als vollständiges Hauptkamerapaket, eingebettet in eine DIVA+ Infrastruktur von Riedel Communications.
Live-Produktion mit mehr Emotionen im Bild
Einen emotionaleren, filmischeren Look mit größerer Nähe zu den Künstlern wolle der ORF mit dieser Produktion erreichen, heißt es in einer aktuellen Veröffentlichung. Die Zuverlässigkeit einer globalen Live-Sendung, die laut offiziellen Angaben wieder über 132 Millionen Zuschauer anlockte, sollte allerdings nicht gefährdet werden. Dafür integrierten Riedel und ARRI die Kinokameratechnologie in einen etablierten OB-Workflow, unterstützt von NEP als Integrationspartner sowie weiteren Technologiepartnern.
Die DIVA+ Plattform von Riedel bündelt Daten-, Intercom-, Video- und Audiosignale in einem einheitlichen Netzwerk, ergänzt um drahtlose Easy5G-Erweiterungen und Steuerungsfunktionen von hi human interface. Am Veranstaltungsort in Wien umfasste die Installation rund 60 MediorNet-Frames und mehr als 80 Netzwerk-Switches sowie über 11 Kilometer Glasfaserverkabelung.
Die Kommunikationsebene basierte auf Artist-1024 Intercom-Knoten mit mehr als 190 drahtlosen Bolero-Beltpacks, über 120 SmartPanels sowie rund 650 Funkgeräten, verteilt auf mehr als 60 Funkkanäle, vier digitale Basisstationen und 16 analoge Repeater. Der internationale Kommentator-Workflow stützte sich auf 35 Kommentator-Panels sowie die neu eingeführte Desktop-SmartPanel-Commentary-Panel-App.
Integration der Kameraplattform
Das MediorNet-Backbone verband spezialisierte Kamerasysteme wie Cable Cams, Teleskopkräne, drahtlose Steadicam-Rigs und ferngesteuerte Dollies ebenso wie Intercom-, Tally- und Return-Signalpfade. Dies ermöglichte die Einbindung der neuen Kameraplattform, ohne die deterministische, latenzarme Signalebene zu beeinträchtigen. Insgesamt kamen 24 ARRI Alexa 35 Live-Kameras zum Einsatz, sowohl an klassischen Kamerapositionen als auch in Spezialanwendungen.
NEP übernahm die OB-Integration und steuerte Broadcast-Expertise, Ü-Wagen-Infrastruktur und Kameraausrüstung bei. Dabei wurden ARRI-CCUs und Basisstationen in die bestehende OB-Umgebung eingebunden, ohne die etablierten Signalwege für Intercom, Tally, Return und Shading zu verändern. Sennheiser ergänzte das Ökosystem um Wireless-Audio-Lösungen für Mikrofonie und In-Ear-Monitoring der Künstler.
Stimmen aus der Produktion
Lutz Rathmann, CEO Managed Technology, Riedel Communications: „Eine Cinematic Live Production funktioniert nur, wenn kreative Ambition und technische Zuverlässigkeit in einem integrierten Ökosystem zusammenkommen. Beim Eurovision Song Contest bildete DIVA+ die Grundlage dafür, ARRIs filmische Bildqualität zuverlässig im Maßstab eines globalen Live-Events einzusetzen. Gemeinsam haben wir gezeigt, dass eine neue Bildsprache für Live-Unterhaltung produktionsreif ist.“
Claudio Bortoli, Technischer Leiter des ESC 2026 beim ORF: „Für das 70. Jubiläum des Eurovision Song Contest wollten wir die Bildsprache der Veranstaltung weiterentwickeln und gleichzeitig die Robustheit gewährleisten, die für eine globale Live-Übertragung erforderlich ist. Gemeinsam mit Riedel, ARRI, NEP und unserem erweiterten Netzwerk an Technologiepartnern haben wir diese Ambition in ein zuverlässiges Produktionsmodell überführt.“
Axel Engström, Sales and Project Manager bei NEP: „Gemeinsam mit ORF, Riedel und ARRI haben wir neue und etablierte Technologien in einem einheitlichen Produktionsworkflow zusammengeführt, der eine filmischere Umsetzung der Live-Produktion ermöglichte. Als Integrationspartner bestand unsere Aufgabe darin, die Komplexität hinter den Kulissen zu steuern, damit sich das Produktionsteam mit Vertrauen auf die Show konzentrieren konnte. Jede neue Komponente bringt zusätzliche technische Herausforderungen mit sich, und unsere Expertise liegt darin, diese Technologien zu einem nahtlosen, zuverlässigen Betrieb zusammenzuführen, der kreative Innovation ermöglicht, ohne die Widerstandsfähigkeit zu beeinträchtigen, die Live-Produktionen erfordern.“
Fazit
Die Produktion zeigt exemplarisch, wie sich Kinokameratechnologie in bestehende Live-Broadcast-Infrastrukturen integrieren lässt, ohne deren Echtzeitfähigkeit und Redundanz zu gefährden. Für Ingenieure in der Live-Produktion liefert das Projekt einen Referenzfall dafür, wie signaltechnische Determinismus-Anforderungen und filmische Bildgestaltung in einem gemeinsamen Netzwerk koexistieren können.
Bild oben: ARRI Alexa 35-Kameras in Aktion beim ESC 2026 (Quelle: Riedel)