Digitale Technologien gelten als Schlüssel zur Dekarbonisierung der Wirtschaft. Doch die Branche selbst hinterlässt einen deutlich tieferen ökologischen Fußabdruck, als bislang angenommen. Laut einer im Fachjournal Communications Sustainability veröffentlichten Studie waren digitale Industrien im Jahr 2021 für rund 4,1 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Doch der überwiegende Teil dieser Emissionen taucht in keiner offiziellen Klimabilanz auf.
Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungsketten
Ein internationales Forschungsteam analysierte Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungsketten digitaler Technologien, von Hardware über IT-Dienstleistungen bis zur Kommunikationsinfrastruktur. Die der Analyse zugrundeliegenden Daten stammen aus dem Zeitraum von 2010 bis 2021. Dabei wurden direkte Emissionen ebenso berücksichtigt wie vor- und nachgelagerte Produktionsstufen. Das Ergebnis: Zwischen 77 und 87 Prozent der Emissionen entstehen bereits vor der eigentlichen Nutzung eines Produkts, also in vorgelagerten Produktionsstufen.
Ursache sei eine Regulierungslücke in der Bilanzierung, erläutert Ko-Autorin Stefanie Kunkel vom RIFS Potsdam. Das Greenhouse Gas Protocol unterscheide drei Bereiche: Scope 1 umfasse direkte Emissionen des Unternehmens etwa durch Chemikalieneinsatz oder eigene Energieerzeugung, Scope 2 indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie wie Strom. „Scope 3 schließlich umfasst alle weiteren indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette, etwa aus Rohstoffförderung, Transport oder der späteren Nutzung der Produkte. Problematisch ist, dass die Erfassung von Scope-3-Emissionen freiwillig ist und deshalb von vielen Unternehmen nur unzureichend vorgenommen wird", so Kunkel. Hinzu komme, dass nationale Klimastatistiken Emissionen meist produktionsbasiert erfassen, also dort, wo sie entstehen, nicht dort, wo die entsprechenden Güter und Dienstleistungen konsumiert werden.
Ein weiteres strukturelles Problem verschärft die Situation: 42 Prozent der digitalen Emissionen werden laut Studie in den Klimastatistiken nicht der Digitalbranche selbst, sondern Sektoren wie Automobil, Maschinenbau oder Finanzdienstleistungen zugerechnet. „Digitale Emissionen verstecken sich häufig in den Fußabdrücken anderer Branchen", so Kunkel. Nationale Klimastatistiken erfassen Emissionen zudem produktionsbasiert – dort, wo sie entstehen, nicht dort, wo die entsprechenden Güter konsumiert werden.
IT-Dienstleistungen mit stärkstem Wachstum
Während die Emissionen klassischer Hardwareproduktion zuletzt leicht sanken, verzeichneten IT-Dienstleistungen laut den Forschenden einen deutlichen Anstieg: Seit 2010 stiegen ihre Emissionen um mehr als 60 Prozent. Dies sei auf die steigende Nachfrage nach Cloud-Computing, datenintensiven Services und wachsender Rechenleistung zurückzuführen. Mit dem Boom generativer KI dürfte dieser Trend weiter an Dynamik gewinnen.
Regional zeigen sich deutliche Ungleichgewichte: China ist der größte Produzent digital bedingter Emissionen und zugleich zentraler Exporteur. Europa und die USA importieren hingegen einen erheblichen Teil ihres digitalen CO₂-Fußabdrucks über globale Lieferketten. Dies sei ein ein Umstand, der in der nationalen Klimapolitik bislang kaum Berücksichtigung finde.
Systemische Lösungen gefordert
Die Autorinnen und Autoren machen deutlich, dass effizientere Rechenzentren allein keine ausreichende Antwort sind. Entscheidend sei eine emissionsseitige Steuerung entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Als konkrete Instrumente nennen sie grenzüberschreitende Mechanismen wie den europäischen Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) sowie internationale Kooperationsrahmen zwischen Unternehmen und Regierungen. Ergänzend könnten langlebigere Hardware und ein ressourcenbewussterer Umgang mit digitalen Anwendungen die Emissionsbilanz verbessern.
Die Studie liefert damit ein klares Signal: Wer Digitalisierung und Klimaschutz ernsthaft zusammendenken will, muss die globalen Lieferketten ins Zentrum der Regulierung rücken, und zwar nicht erst am Ende der Nutzungskette, sondern von Anfang an.
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Bild oben: Gerd Altmann, Pixabay