Vom 11. bis 14. September 2026 versammelte die IBC erneut die internationale Medien- und Broadcastbranche in Amsterdam. Nach Angaben des Veranstalters besuchten 41.225 Teilnehmende aus 170 Ländern die Veranstaltung. Die Zahl der Erstaussteller sei gegenüber dem Vorjahr um 36 Prozent auf 256 Unternehmen gestiegen, heißt es.
Aus technischer Sicht lag der Schwerpunkt dabei weniger auf einzelnen Produktneuheiten als auf der Frage, wie sich neue Technologien in bestehende Produktions- und Distributionsumgebungen integrieren lassen. Ein Begriff, der diese Entwicklung auf Architekturebene besonders gut beschreibt, ist die Dynamic Media Facility (DMF).
DMF und MXL: Architektur für die softwaredefinierte Medienproduktion
Die von der EBU vorangetriebene DMF-Initiative beschreibt eine Entwicklung weg von fest verdrahteten, hardwarezentrierten Produktionsumgebungen hin zu dynamisch orchestrierbaren, softwaredefinierten Medieninfrastrukturen. Medienfunktionen sollen dabei als Software auf standardisierter Recheninfrastruktur ausgeführt und je nach Workflow flexibel zusammengestellt werden können.
Ein wesentlicher Baustein dafür ist der Media eXchange Layer (MXL). Das Open-Source-Projekt entstand aus der DMF-Initiative und konzentriert sich auf den effizienten Austausch von Audio, Video und Metadaten zwischen softwarebasierten Media Functions. Damit adressiert MXL eine Lücke, die bei der zunehmenden Virtualisierung von Broadcast-Funktionen entsteht: Während IP-Netzwerke wie SMPTE ST 2110 den Austausch zwischen Systemen und Geräten ermöglichen, benötigen Software-Anwendungen innerhalb einer modernen Medieninfrastruktur zusätzliche Mechanismen für den direkten, performanten Austausch von Medien.
Dass DMF und MXL auf der IBC2026 nicht nur als Zukunftskonzepte diskutiert wurden, zeigte sich auch im Messeprogramm. Eine eigene Session beschäftigte sich mit „DMF MXL: Why it Matters and Why Now?“. Im technischen Paper-Programm fanden sich zudem Beiträge zu „Building MXL together“, zu MXL als Interoperabilitätsgrenze zwischen KI und Broadcast-Infrastrukturen sowie zur Multi-Vendor-Orchestrierung von Media Functions für eine Dynamic Media Facility.
Auch in den Ausstellungsbereichen wurden entsprechende Architekturen praktisch demonstriert. So zeigten unter anderem Grass Valley und Qvest eine End-to-End-DMF-Umgebung mit Technologiepartnern, in der hardwarebasierte Komponenten, softwaredefinierte Anwendungen und MXL in einem gemeinsamen Workflow zusammengeführt wurden. Und auch bei vielen anderen Ausstellern war das Thema DMF omnipräsent.
Damit bildet DMF eine technische Klammer für viele Entwicklungen, die auf der IBC2026 zu sehen waren: Wenn Produktions- und Distributionsfunktionen zunehmend als Software realisiert werden, werden offene Schnittstellen, Orchestrierung und standardisierte Mechanismen für den Medientransport zu entscheidenden Voraussetzungen für Interoperabilität.
Wie weit diese Entwicklung bereits in konkrete Anwendungen reicht, zeigen die diesjährigen IBC Innovation Awards.
Innovation Awards: Offene Workflows statt Insellösungen
Die IBC Innovation Awards zeichnen keine isolierten Produktentwicklungen aus, sondern kollaborative Projekte, bei denen mehrere Organisationen gemeinsam technische Herausforderungen bearbeiten. Genau darin zeigt sich die Verbindung zur DMF-Entwicklung: Interoperabilität und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Technologiekomponenten werden zunehmend zu zentralen technischen Anforderungen.
Den Innovation Award in der Kategorie Content Creation erhielt das Projekt Media eXchange Layer (MXL). Die Open-Source-Initiative wurde von der European Broadcasting Union (EBU) gemeinsam mit der North American Broadcasters Association initiiert, von der Linux Foundation gehostet und unter anderem von CBC/Radio-Canada eingesetzt.
MXL steht damit für den Wandel hin zu offenen, softwarebasierten Medieninfrastrukturen. Statt Medienfunktionen ausschließlich innerhalb proprietärer Systeme zu betreiben, soll ein gemeinsamer technischer Unterbau die Zusammenarbeit unterschiedlicher Anwendungen und Hersteller ermöglichen.
Für medientechnische Projekte bedeutet dies eine stärkere Bedeutung von APIs, standardisierten Schnittstellen, Software-defined Infrastructure und hochperformanten Mechanismen für den Austausch unkomprimierter Medien. Die Herausforderung liegt dabei weniger in der grundsätzlichen Machbarkeit einzelner Funktionen als in deren Integration zu reproduzierbaren und betriebssicheren Produktionsabläufen.
Live-News-Distribution wird ereignisgesteuert
In der Kategorie Content Distribution zeichnete die Jury das Projekt „Capacity that follows the live news story“ von Reuters aus. Dabei wurde eine statische Kapazitätsplanung durch ein globales, gemeinsam genutztes Speicher- und Distributionskonzept ersetzt.
Technische Grundlage ist ein von TVU Networks bereitgestelltes MediaMesh-System. Die Verteilung von Nachrichteninhalten kann damit ereignisabhängig und API-gesteuert erfolgen. In das Projekt waren unter anderem InSync, Kinetiq, Sony, Elecard und TAG Video Systems eingebunden.
Der Ansatz adressiert ein klassisches Problem der Live-Distribution: Infrastruktur muss nicht mehr ausschließlich auf Spitzenlasten ausgelegt werden, sondern kann dynamischer an das tatsächliche Nachrichtenaufkommen angepasst werden. Für internationale News-Organisationen kann dies besonders bei plötzlich auftretenden Ereignissen relevant sein, wenn innerhalb kurzer Zeit zusätzliche Produktions- und Distributionskapazitäten benötigt werden.
Broadcast trifft auf Broadband
Ein weiteres Signal für die technische Entwicklung des Rundfunks kommt aus Brasilien. In der Kategorie Content Everywhere wurde die Implementierung von DTV+ ausgezeichnet.
Das Konzept kombiniert die Reichweite des klassischen terrestrischen Fernsehens mit Funktionen, die bislang vor allem aus internetbasierten Medienangeboten bekannt sind. Globo verbindet dabei Broadcast und Broadband, um neben der linearen Verbreitung auch Personalisierung und Messbarkeit zu ermöglichen.
Damit steht DTV+ für eine Entwicklung, bei der die Trennung zwischen klassischem Rundfunk und IP-basierten Medienangeboten zunehmend verschwindet. Für Netz- und Playout-Infrastrukturen ergeben sich daraus neue Anforderungen an die Synchronisation von Broadcast- und Online-Komponenten sowie an die Verarbeitung von Nutzungs- und Interaktionsdaten.
KI für Barrierefreiheit
Auch der Einsatz künstlicher Intelligenz für die Barrierefreiheit war Bestandteil der ausgezeichneten Projekte. Den Innovation Award in der Kategorie Social Impact erhielt das Projekt „Closing the sign language gap“.
G&L Systemhaus arbeitete dafür mit dem KI-Unternehmen Signapse, Norsk/id3as und dem CDN-Anbieter Akamai zusammen. Ziel ist eine broadcasttaugliche KI-basierte Lösung zur automatisierten Bereitstellung von Gebärdensprache für Live- und On-Demand-Inhalte.
Aus technischer Perspektive ist die Echtzeitfähigkeit relevant. Eine Lösung für Live-Broadcasting muss nicht nur die eigentliche KI-Verarbeitung bewältigen, sondern diese in eine Produktions- und Distributionskette mit definierten Latenz-, Qualitäts- und Verfügbarkeitsanforderungen integrieren.
KI-Agenten für die Live-Produktion
Besonders interessant für Produktionsingenieure war das IBC Accelerator Project of the Year 2025, das im Rahmen der IBC2026 ausgezeichnet wurde. Das Projekt „AI Agent Assistants for Live Production“ untersuchte den Einsatz von KI-Agenten in der Live-Produktion.
Im Mittelpunkt stand ein KI-basierter „Assistant Director“, der mehrere spezialisierte Produktionsagenten orchestrieren kann. Die Steuerung sollte dabei unter anderem über natürliche Sprache und Sprachkommandos erfolgen.
Beteiligt waren unter anderem ITN, BBC und Channel 4 sowie CUEZ, Amira Labs, Highfield AI, Monks, CuePilot, Shure, EVS, Moments Lab und Google Cloud.
Technisch wurde dabei ausdrücklich ein herstellerunabhängiger Ansatz verfolgt. Statt eine KI-Funktion als isoliertes Feature in ein einzelnes Produktionssystem zu integrieren, wurde ein Framework für das Zusammenspiel verschiedener KI-Agenten in Live-Production-Umgebungen entwickelt.
Dabei blieb die redaktionelle Kontrolle beim Menschen. Die KI sollte komplexe Abläufe vereinfachen und koordinieren, nicht die redaktionelle Entscheidung ersetzen. Dieser Human-in-the-loop-Ansatz ist insbesondere für zeitkritische Produktionsumgebungen relevant, in denen Automatisierung mit deterministischen Abläufen, Überwachbarkeit und klaren Verantwortlichkeiten kombiniert werden muss.
Accessibility als technischer Designparameter
Auch der mit dem Best Technical Paper ausgezeichnete Beitrag befasste sich nicht mit einer klassischen Übertragungstechnologie, sondern mit der Bedienbarkeit internetbasierter TV-Systeme.
Emma Maier, Jodie Pearton, Anna Stewart, Arina Mnatsakanyan und Jonathan Freeman von i2 media research untersuchten, wie altersbedingte Interaktionsbarrieren bei internetbasierten TV-Angeboten reduziert werden können.
Der Ansatz eines optionalen, altersbezogenen Overlay-Interfaces zeigt, dass neben Bandbreite, Codec, Latenz und Verfügbarkeit zunehmend auch Human Factors als technische Designparameter betrachtet werden. Gerade bei der Migration von klassischen Broadcast-Systemen zu IP-basierten Plattformen wird die Gestaltung der Benutzerinteraktion damit zu einem Bestandteil der Systemarchitektur.
Von der Infrastruktur zur integrierten Medienplattform
Die ausgezeichneten Projekte der IBC2026 haben trotz ihrer unterschiedlichen Anwendungsbereiche einen gemeinsamen technischen Nenner: Innovation findet zunehmend an den Schnittstellen statt.
Open-Source-Architekturen müssen mit bestehenden Broadcast-Systemen zusammenspielen. Cloud- und API-basierte Distribution muss klassische Übertragungswege ergänzen. KI-Agenten müssen Produktionssysteme verstehen und kontrolliert bedienen können. Und neue digitale Dienste müssen mit Anforderungen an Echtzeit, Verfügbarkeit, Sicherheit und redaktionelle Kontrolle vereinbar sein.
DMF und MXL liefern dafür einen Teil der architektonischen Grundlage. Die Innovation Awards zeigen gleichzeitig, wie diese Entwicklung in konkrete Anwendungen übersetzt wird, von der Medienproduktion über die Distribution bis hin zu Accessibility und KI-gestützten Workflows. Entscheidend wird daher zunehmend die Frage, wie sich Technologie in vorhandene Produktions-, Transport- und Distributionsketten integrieren lässt.
Die IBC2026 zeigte damit eine Medienbranche, in der Cloud, KI, IP und Automatisierung nicht mehr ausschließlich als Zukunftsthemen betrachtet werden. Sie werden zunehmend als Bausteine konkreter Produktions- und Distributionsarchitekturen eingesetzt.
Die nächste IBC findet vom 10. bis 13. September 2027 erneut in Amsterdam statt.
Bild oben: Die RAI von oben (Quelle: Angela Bünger)