IBC 2026: Vor dem Akronym

Angela Bünger
Eine Glosse aus dem Amsterdamer Messegetümmel.

Wer die Medientechnik der Gegenwart verstehen will, braucht zunächst einen Schlüssel. Leider ist nicht immer klar, zu welcher Tür er gehört. Vor jeder neuen Technologie steht ein Begriff, vor jedem Begriff ein Akronym und vor jedem Akronym die Frage, ob man es schon längst hätte kennen müssen.

So wird etwa aus der Dynamic Media Facility die DMF. Chemiker kennen DMF übrigens als Dimethylformamid, ein Lösungsmittel. Das ist vielleicht nicht die schlechteste Assoziation, denn auch das Medien-DMF löst zuverlässig alles auf, bis auf die Frage, was man denn eigentlich genau kaufen soll.

 

Eine Einrichtung ohne feste Einrichtung? Die Digital Media Facility (DMF) gehörte zu den zentralen Themen der IBC 2026 (alle Bilder: die Autorin).

 

Daneben steht MXL, Media eXchange Layer. Warum ausgerechnet das X in der Mitte steht, obwohl ein Media Exchange Layer mit MEL auskäme, gehört zu den kleineren Geheimnissen der Branche. Vielleicht soll das X auch einfach anzeigen, dass hier etwas besonders fortschrittlich ist, oder eben besonders wichtig.

Und weil zwei Akronyme noch keine richtige Buchstabensuppe ergeben, kommt NMOS hinzu: Networked Media Open Specifications. Vier Buchstaben und Wörter mit Mehrfachbedeutung, die zugleich Netzwerk, Medien und Offenheit versprechen. Beim Lesen stellt sich zunächst das beruhigende Gefühl ein, etwas verstanden zu haben. Bis man nach den Details fragt.

Man könnte fast meinen, Kafka höchstselbst hätte das Pflichtenheft für eine moderne Medientechnik-Fachmesse geschrieben. Alles ist offen, dokumentiert und spezifiziert. Nur steht vor der Erklärung eine weitere Erklärung, vor dem Standard ein weiterer Standard und vor dem Akronym ein weiteres Akronym. Der Zugang ist frei. Man muss nur wissen, wie die Tür heißt.

 

Akronyme in der Medientechnik: Eher Microdrama oder doch abendfüllender Mehrakter? Es kommt wohl darauf an, wen man fragt.

 

Natürlich ist das kein Zufall. Ein Blick auf die Verbandslandschaft genügt. FKTG, SMPTE, IEEE oder auch IABM, die sich inzwischen -noch unaussprechlicher- in IAMT umbenannt haben. Offenbar gilt in der Medientechnik eine einfache Regel: Eine Abkürzung ist erst dann wirklich gut, wenn man ihre Auflösung nachschlagen muss. Und es trennt die Unwissenden vom inneren Kreis: Wer die Buchstaben kennt, ist drin. Wer nach der Auflösung fragt, steht noch im Vorraum.

Dabei haben es auch die Eingeweihten nicht leicht. Kaum hat man das Vokabular des Vorjahres mühsam verinnerlicht, steht schon das nächste Kürzel an. Das nennt man übrigens nicht Abschreckung, sondern einfach Arbeitsbeschaffung. Jede Menge Stoff für Whitepaper, Erklärvideos, Workshops und Panels mit Titeln wie „Demystifying XYZ“.

Vielleicht ist das sogar die eigentliche Innovation der Branche: Nicht die Technik wird komplizierter, sondern ihr Name. Aus einem Gerät wird eine Plattform, aus einer Plattform eine Architektur und aus der Architektur ein Akronym. Und sobald alle wissen, wofür das Akronym steht, ist es bereits veraltet.

Bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Wann kommt das nächste Akronym, das selbst wieder für ein Akronym steht? Auf der IBC 2027 wissen wir mehr.

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