Digitale Souveränität und die Cloud

Graham Sharp (BCNEXXT)
Immer mehr Medienunternehmen integrieren Cloud-Dienste und KI. Was bedeutet dies für die Branche und welche Fragestellungen ergeben sich daraus?
Graham Sharp (Quelle: BCNEXXT)

 

Für Medienunternehmen gewinnt die digitale Souveränität als Infrastruktur-Aspekt zunehmend an Bedeutung. Da immer mehr Workflows Cloud-Dienste und KI integrieren, müssen Unternehmen abwägen, wie viel Kontrolle sie über ihre Daten, Technologien und die ihre Abläufe unterstützende Infrastruktur behalten.

Es gibt Hinweise darauf, dass diese Bedenken in der gesamten deutschen Wirtschaft verbreitet sind. Das Positionspapier „Assessing Cloud Sovereignty“ des Bitkom aus dem Jahr 2026 berichtet Folgendes:

„78 Prozent der deutschen Unternehmen äußern Bedenken hinsichtlich der Abhängigkeit von einer begrenzten Anzahl außereuropäischer Anbieter.“

Die Untersuchungen des Bitkom zeigen zudem, dass der physische Standort der Cloud-Infrastruktur für viele deutsche Unternehmen relevant ist. Souveränität ist jedoch nur ein Aspekt. Unternehmen müssen neben den Funktionen, der Leistungsfähigkeit und der Wirtschaftlichkeit der genutzten Dienste auch Kontrollfragen abwägen.

Für Medienorganisationen stellt sich daher eine praktische Frage: Wie können sie die Vorteile der Cloud-Technologien nutzen und gleichzeitig ausreichend Kontrolle über ihre Inhalte, ihren Betrieb und zukünftige Entscheidungen hinsichtlich der Infrastruktur behalten?

 

Souveränität geht über den Datenstandort hinaus

Der Speicherort von Daten ist lediglich ein wichtiger Aspekt der Souveränität.

Eine Organisation weiß möglicherweise, dass ihre Inhalte beispielsweise in Deutschland oder anderswo in der EU gespeichert sind, doch es gibt weitere Fragen zu klären. Wer hat administrativen Zugriff? Welches Landesrecht gilt für den Anbieter? Was geschieht mit redundanten Kopien? Auf welchen Technologien basiert die Anwendung? Und wie aufwendig wäre es, die Anwendung und ihre Daten an einen anderen Ort zu verlagern?

Diese Überlegungen spiegeln sich im Cloud-Souveränitätsrahmen der Europäischen Kommission wider, der die Souveränität in acht Bereichen bewertet, darunter rechtliche und rechtsprechungsbezogene, Daten- und KI-, operative, Lieferketten- und technologische Aspekte.

Für Medienorganisationen bedeutet dies in der Praxis, dass Souveränität nicht auf eine Wahl zwischen europäischer und außereuropäischer Technologie reduziert werden sollte. Entscheidend ist vielmehr, bestehende Abhängigkeiten zu erkennen und zu beurteilen, ob diese für den jeweiligen Zweck angemessen sind.

 

Technische Abhängigkeiten

Cloud-Plattformen haben Medienorganisationen erhebliche Vorteile gebracht, darunter den Zugang zu skalierbarer Infrastruktur, ohne dass eine gleichwertige physische Kapazität aufgebaut und gewartet werden muss.

Cloud-Anwendungen können jedoch auf ganz unterschiedliche Weise erstellt werden.

Einige Anwendungen nutzen in großem Umfang Dienste, die nur von einem bestimmten Cloud-Anbieter angeboten werden. Diese können beispielsweise Orchestrierung, Ressourcenverwaltung, Transkodierung, Transport, Speicherung oder andere Funktionen unterstützen.

Das kann eine Anwendung in dieser Umgebung äußerst effektiv machen. Gleichzeitig kann es aber auch den Transfer in eine andere Umgebung erheblich erschweren.

Hier wird die Architektur für die Souveränität relevant. Organisationen sollten nicht nur verstehen, ob eine Anwendung in der Cloud läuft, sondern auch, wovon sie für ihren Betrieb abhängt.

Könnte die Anwendung in einer anderen Cloud-Umgebung betrieben werden? Könnte sie auf einer vom Unternehmen kontrollierten Infrastruktur laufen? Würde eine Migration umfangreiche Neuentwicklungen erfordern? Könnten die Daten des Unternehmens mit migriert werden?

Die Antworten entscheiden darüber, wie viel Flexibilität eine Organisation tatsächlich behält.

 

Datenkontrolle und Resilienz

Die Medien stellen aufgrund der schieren Datenmenge eine weitere Herausforderung dar.

Cloud-Speicherdienste bieten typischerweise ein hohes Maß an Redundanz und Ausfallsicherheit. Kopien von Inhalten können über die gesamte Infrastruktur verteilt werden, um Schutz vor Hardwareausfällen und anderen Störungen zu gewährleisten.

Aus Sicht der Souveränität benötigen Organisationen Einblick in die Funktionsweise dieses Prozesses.

Wo werden die primären und redundanten Kopien gespeichert? Kann die Organisation festlegen, welche Regionen genutzt werden? Wer hat Zugriff auf diese Kopien? Und kann der Inhalt bei sich ändernden Anforderungen an einen anderen Ort verschoben werden?

Dies soll die Vorteile der Cloud-Resilienz keinesfalls schmälern. Vielmehr soll sichergestellt werden, dass Resilienz nicht auf Kosten des Verständnisses geht, wo wertvolle Mediendaten gespeichert sind und wie sie verwaltet werden.

 

Wirtschaftliche Portabilität

Die Möglichkeit, Daten zu übertragen, wird auch von wirtschaftlichen Faktoren beeinflusst.

Medien-Workloads können extrem große Dateien umfassen, die während ihres gesamten Lebenszyklus gespeichert, verarbeitet, abgerufen und verteilt werden. Daher kann die Wirtschaftlichkeit des Medientransfers ganz anders aussehen als bei Workloads, bei denen nach der Verarbeitung relativ kleine Datenmengen zurückgegeben werden.

Die Kosten für Speicherung, Datenabruf und Datenübertragung sollten daher bei der Bewertung von Infrastrukturoptionen berücksichtigt werden.

Eine Organisation verfügt möglicherweise über die technischen Möglichkeiten, eine Anwendung und deren Inhalte in eine andere Umgebung zu übertragen. Wenn die Extraktion und Migration einer großen Mediathek jedoch mit erheblichen Kosten verbunden ist, kann diese Freiheit in der Praxis schwieriger umzusetzen sein.

Deshalb sollten Ausstiegskosten bereits zu Beginn einer Cloud-Implementierung berücksichtigt werden und nicht erst dann, wenn sich ein Unternehmen entscheidet, die Cloud zu verlassen.

 

Checkliste zur Souveränität für Medienorganisationen

Es gibt kein einzelnes Infrastrukturmodell, das für jede Medienorganisation oder jede Arbeitslast das richtige Maß an Souveränität bietet. Organisationen können sich jedoch einige grundlegende Fragen stellen, bevor sie Entscheidungen über die Infrastruktur treffen.

  • Wo werden Inhalte und Daten gespeichert?
    Speicherort der primären Kopien, der Sicherungskopien und der Notfallwiederherstellungskopien.
  • Welche Rechtsordnungen sind beteiligt?
    Nicht nur der physische Standort der Infrastruktur ist zu berücksichtigen, sondern auch die Standorte der Organisationen, die für deren Betrieb verantwortlich sind.
  • Wer hat Zugriff auf Systeme und Daten?
    Festlegung, wie der administrative Zugriff und der Supportzugriff verwaltet werden und welche Sicherheitskontrollen zur Verfügung stehen.
  • Wovon hängt die Anwendung ab?
    Cloudspezifische Technologien identifizieren, die bei einem Umzug der Anwendung ersetzt werden müssten.
  • Könnte die Anwendung auch woanders betrieben werden?
    Verständis, was erforderlich wäre, um sie in eine andere Cloud oder auf eine Infrastruktur unter der Kontrolle der Organisation zu verlagern.
  • Können Inhalte an einen anderen Speicherort verschoben werden?
    Wie können Daten abgerufen werden, in welcher Form und wie lange könnte eine groß angelegte Migration dauern?
  • Was würde ein Weggang kosten?
    Rückhol-, Transfer- und Migrationskosten sind als Teil der Gesamtökonomie der Infrastruktur zu berücksichtigen.
  • Wo passt KI ins Bild?
    Auf welche Daten können KI-Dienste zugreifen? Wie werden diese Daten verarbeitet und welche Kontrollmechanismen regeln ihre Nutzung?
  • Was passiert, wenn sich die Anforderungen ändern?
    Hier sind regulatorische, kommerzielle und betriebliche Änderungen zu berücksichtigen, bevor sie eintreten, anstatt davon auszugehen, dass das heutige Infrastrukturmodell immer angemessen sein wird.

 

Souveränität bedeutet, die Kontrolle zu behalten

Für Medienorganisationen erfordert mehr digitale Souveränität kein einheitliches Infrastrukturmodell. Die praktischere Frage ist, ob heutige Technologieentscheidungen die Optionen von morgen unnötig einschränken.

Unterschiedliche Arbeitslasten erfordern unterschiedliche Vorgehensweisen. Besonders sensible Daten benötigen möglicherweise strengere Kontrollen hinsichtlich Speicherort und Zugriff, während andere Anwendungen von der Skalierbarkeit oder den spezialisierten Funktionen einer Public-Cloud-Infrastruktur profitieren können. On-Premises-Lösungen, Private Clouds, Public Clouds und Kombinationen dieser Umgebungen können alle ihren Platz haben.

Dasselbe Prinzip gilt für die Sendeinfrastruktur. BCNEXXTs Vipe beispielsweise ist eine Cloud-native Sendeplattform, die für den Betrieb in verschiedenen Cloud-Umgebungen konzipiert ist und nicht von einem einzelnen Anbieter abhängig ist. Im Hinblick auf die Souveränität kann diese architektonische Flexibilität dazu beitragen, dass ein Unternehmen weiterhin selbst entscheiden kann, wo seine Betriebsabläufe ausgeführt werden, wenn sich die Anforderungen ändern.

Entscheidend ist, dass Unternehmen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen verstehen. Da Cloud und KI immer stärker in Medienprozesse integriert werden, beeinflussen Infrastrukturentscheidungen zunehmend mehr als nur den Ausführungsort von Anwendungen. Sie bestimmen, wer die Daten kontrolliert, auf welche Technologien ein Unternehmen angewiesen ist und wie schnell sich der Betrieb an veränderte Anforderungen anpassen kann.

 

Der CLOUD Act

Die Frage der Gerichtsbarkeit ist einer der Faktoren, die zur Diskussion über die europäische Souveränität beigetragen haben.

Der US Clarifying Lawful Overseas Use of Data (CLOUD) Act wurde 2018 erlassen und schuf einen Rechtsmechanismus, durch den US-Behörden Daten von Dienstanbietern anfordern können, die der US-amerikanischen Gerichtsbarkeit unterliegen, auch unter bestimmten Umständen, wenn diese Daten außerhalb der Vereinigten Staaten gespeichert sind.

Für deutsche und andere europäische Organisationen, die US-amerikanische Technologieanbieter nutzen, ergibt sich daraus eine Frage der Gerichtsbarkeit. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Behörden automatisch Zugriff auf europäische Kundendaten haben.

Die rechtliche Zuständigkeit sollte daher zusammen mit technischen und betrieblichen Sicherheitsvorkehrungen, einschließlich Verschlüsselung, Zugriffskontrollen, Schlüsselverwaltung, vertraglichen Schutzmaßnahmen und Entscheidungen darüber, wo Daten gespeichert und verarbeitet werden, berücksichtigt werden.

Für Medienorganisationen, die Cloud-Infrastrukturen evaluieren, ist die übergeordnete Lehre eindeutig: Souveränität wird nicht durch eine einzelne Technologie, einen Anbieter oder eine Regulierung bestimmt. Sie hängt vielmehr davon ab, die rechtlichen, technischen, betrieblichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Infrastrukturentscheidungen zu verstehen und genügend Kontrolle zu behalten, um diese Entscheidungen bei Bedarf zu ändern.

 

Quellen

 


Aufmacherbild: KI-generiert (Quelle: BCNEXXT)

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