Thüringer Mediensymposium 2025: Das war Tag 1

Angela Bünger
Vom 18. bis 19. November 2025 ging es in Erfurt um die Zukunft IP-basierter Medieninfrastrukturen. Der erste Tag bot wegweisende Einblicke in Cloud-Transformation, Orchestrierung und software-definierte Produktionsumgebungen.

Nach einem bereits am Vormittag des 18. Novembers hervorragend besuchten Förderfirmenforum mit inspirierenden Impulsvorträgen richteten sich am Nachmittag alle Augen auf das eigentliche Highlight des Tages: den Auftakt des Thüringer Mediensymposiums. Die beiden Regionalleiter Prof. Dr. Hans-Peter Schade und Klaus Sandig hatten erneut ein hochkarätiges Programm rund um IP-/IT-basierte Medieninfrastrukturen zusammengestellt, in dem sich Theorie und Praxis die Waage hielten. Der Veranstaltungsraum im KinderMedienZentrum war bis auf den letzten Platz besetzt, weitere Teilnehmende waren online zugeschaltet.

 

Digitale Souveränität und die Evolution von SMPTE ST2110

Aufgrund der kurzfristigen Absage von Dr. Hans Hoffmann (EBU) übernahm Malte Blumberg (SWR) dessen Thema „Souveräne digitale Infrastrukturen und AI Services“. Er versprach kein „Powerpoint-Karaoke“ von Hoffmanns Präsentation, sondern stellte eigene Überlegungen an. Zur Sprache kamen dabei unter wie der Einsatz von vertrauenswürdigen und interoperablen Cloud- und KI-Lösungen gelingen kann, die eine digitale Unabhängigkeit öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten gewährleisten. Diese sind für die EBU ein strategischer Partner bei der Infrastrukturentwicklung. Konkret kam hierbei die Arbeit am MediaExchangeLayer (MXL) für Cloud-Umgebungen zur Sprache, die einen relevanten Baustein für resiliente, ethische digitale Infrastrukturen in Europa darstellen. Das Thema MXL und auch die Digital Media Facility (DMF) sollte die Teilnehmenden übrigens über die gesamte Veranstaltung hinweg begleiten.

 

Malte Blumberg (alle Bilder, falls nicht gesondert erwähnt: Angela Bünger)

 

Felix Ohlendorf und Fabian Röttcher (Studio Hamburg MCI) analysierten im Anschluss die Evolution des IP-Standards SMPTE ST2110 von einer Nischentechnologie zur unverzichtbaren Produktionsgrundlage. Beide Referenten konstatierten einen tiefgreifenden Wandel weg von reiner Technologieadaption hin zur ganzheitlichen Workflow-Optimierung. Früher wurden bestehende Systeme oft unreflektiert auf ST 2110 übertragen, ohne Strukturen grundlegend zu erneuern. Heute ermöglichten Cloud-native Dienste und insbesondere die Containerisierung von Medienanwendungen dynamische, skalierbare Produktionsprozesse. Container erlauben die unabhängige Aktualisierung einzelner Dienste ohne Systemauswirkungen. ST 2110 wird so zur strategischen Plattform für zukunftsorientierte Medienproduktion.

 

Cloud-basierter Live-Ingest und dynamische Produktionsumgebungen in der Praxis

Eine Vision des Live-Ingests für 2030 entwarf Andreas Lautenschläger (netorium AG). Diese fundierte auf EBU- und SMPTE-Referenzarchitekturen sowie der Movie Labs Vision 2030. Sein Vortrag prognostizierte Cloud-basierte Ingest- und Playout-Lösungen als neuen Standard, gestützt auf Technologien wie SMPTE ST2110-x, NDI und SRT für qualitätsgesicherte Übertragung. KI und maschinelles Lernen automatisieren die Ingest-Prozesse, von der Inhaltserkennung bis zur automatischen Kategorisierung. Zentral auch hier das EBU-Konzept der Dynamic Media Facility (DMF). Live-Ingest werde durch Cloud-Integration, Automatisierung und verbesserte Sicherheitsarchitekturen grundlegend transformiert, mit Applikationsvirtualisierung als ermöglichendem Faktor für die mediale Zukunft.

Axel Kern (Lawo) verlagerte den Fokus von theoretischen Konzepten auf praktische Erfahrungen mit dynamischen, softwarebasierten Produktionsumgebungen. Im Zentrum standen drei zentrale Herausforderungen: Skalierung bei kurzfristigen Anforderungen, Integration heterogener Systeme und der Umgang mit wechselnden Produktionsstandards. Er präsentierte hierzu Lösungsstrategien aus dem Produktionsalltag und destillierte Erkenntnisse aus praktischen Umsetzungen. Besonders beleuchtete Kern die Erfolgsfaktoren für nachhaltige und wirtschaftlich tragfähige Transformationsprozesse. Der Vortrag zeigte, dass dynamische Produktionsumgebungen bereits praktikable Realität sind, wenn die richtigen strategischen und technischen Weichen gestellt werden.

 

Axel Kern

 

Orchestrierung als Schlüssel zur Cloud-Migration

Im nächsten Vortrag zum Thema Orchestrierung  spielten sich John Mailhot und James Rivers (Imagine Communications) gekonnt die Bälle zu. Dabei räumten sie mit einer gängigen Fehlannahme zur Cloud-Migration auf: Nicht der Betrieb von Medienfunktionen in der Cloud sei komplex, sondern deren Organisation, Bereitstellung, Konfiguration, Zuordnung, Überwachung und Deaktivierung. Orchestrierung sei der Schlüssel, um softwarebasierte Workflows in die operative Realität zu überführen. Der Vortrag differenziert zwischen generischer Orchestrierung und zweckgebundenen Tools wie Application Orchestration (AO) und erläutert deren jeweilige Relevanz. Die Referenten betonen, dass bei DMF die Orchestrierung eine entscheidende Rolle spielt. Ihr Fazit: Orchestrierung ist kein technisches Beiwerk, sondern unverzichtbare Voraussetzung für skalierbare, gehostete Medienumgebungen.

 

James Rivers und John Mailhot (Bild: Ralph Zahnder)

 

Im Folgenden betrat Malte Blumberg erneut die Bühne, diesmal, um über die Cloud-Transformation der ARD zu sprechen, die er als ganzheitlichen Veränderungsprozess wahrnehme, da er alle Geschäftsbereiche umfasse. Im Vortrag verknüpfte er technische Innovationen mit organisatorischen Herausforderungen und einer ganz zentralen Aufgabe: alle Mitarbeitenden bei den Veränderungen mitzunehmen. Blumberg flocht zur Illustrierung konkrete Beispiele in der Umsetzung ein. Dabei ging es um Standards, Orchestrierung und hybriden Betriebsmodellen sowie Auswirkungen auf Governance, die Zusammenarbeit zwischen Landesrundfunkanstalten und die Weiterentwicklung der Unternehmenskultur.

 

Remote Production und software-definierte Architekturen

Um Remote Production ging es im Vortrag von Haci Mehmet Cengiz (Sony Europe). Bei richtiger technischer Umsetzung steigere diese die Produktionseffizienz und erweitere die kreativen Möglichkeiten. Doch gerade Umsetzung diese stelle hohe Anforderungen: Synchronität, Ausfallsicherheit und zentrale Kontrollmechanismen bildeten das Fundament erfolgreicher Implementierungen. Der Vortrag fokussiert auf die flexible Ressourcenverteilung zwischen verschiedenen Standorten und Infrastrukturen. Entscheidend sei die orchestrierte Koordination aller Komponenten aus einer zentralen Steuerungsebene. Cengiz erläuterte Systemarchitekturen mit Schwerpunkt auf SMPTE ST 2110 und zeigte anhand von Praxisbeispielen, wie unterschiedliche Technologieplattformen nahtlos integriert werden.

 

Haci Mehmet Cengiz

 

Im finalen Vortrag des ersten Tages blickte Klaus Weber (Grass Valley) auf das Thema Software-definierte Produktion in der Praxis. Dazu analysierte er den Wandel von hardwarezentrischen zu software-definierten Produktionsarchitekturen (SDP). SDP bedeutet nicht bloße Hardware-Virtualisierung, sondern den Aufbau modularer Microservices-Strukturen. Produktionsfunktionen werden als interoperable Softwaredienste konzipiert, koordiniert durch zentrale Orchestrierungsschichten für Steuerung, Automatisierung und Monitoring. Offene Schnittstellen gewährleisten die Integration externer Tools. Weber hob die technische Reife modernen SDP-Plattformen hervor und die Möglichkeit einer schrittweise Migration durch hybride Lösungen.

 

Fazit und Ausblick auf Tag 2

Der erste Tag des Thüringer Mediensymposiums demonstrierte eindrucksvoll, wie IP-basierte Technologien die Medienproduktion grundlegend transformieren. Von digitaler Souveränität über Cloud-Orchestrierung bis zu software-definierten Architekturen, technische Innovation und organisatorische Weiterentwicklung müssen Hand in Hand gehen müssen. Doch wie fügt sich eine weitere Schlüsseltechnologie in dieses Bild ein? Dazu mehr von Christoph Reimann (Riedel Communications) der den zweiten Tag eröffnete und den Einfluss privater 5G-Netze auf die Medienproduktion beleuchtete.

=> Thüringer Mediensymposium 2025 Tag 2

 


Aufmacherbild oben: Felix Ohlendorf und Fabian Röttcher während ihres Vortrags (Bild: Ralph Zahnder)

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